Es war gestern Vormittag, ein ganz normaler Freitag, der 9. Juli, als wir uns entschieden, für drei Tage an den Lac d’Annecy zu fahren. Ein Tipp von Schwiegerpapa. Das wird sicher toll: am Strand liegen, nichts tun und einfach nur entspannen.
Bleibt nur die Frage: Welches Auto nehmen wir? Logisch eigentlich. Jacquelines Citroën hat 200'000 Kilometer weniger auf der Uhr, ist zehn Jahre jünger und schliesslich fahren wir ins Land des «Créateurs d’automobiles». Nur besonders kluge Menschen würden da einen Saab vorziehen.
Gut, am Lac d’Annecy angekommen, gilt es zuerst, etwas ausserhalb einen Zeltplatz zu finden. Rezeption, anmelden, bezahlen – alles bestens. Nun also rein ins Auto, zum Platz fahren und Zelt aufstellen.
Denkste.
Der Citroën will nicht mehr. Offenbar hat er sich mit den Italienern verbündet und streikt. Also ein Telefon zum Händler, der Jacqueline vor zwei Wochen das Auto verkauft hat – übrigens ebenfalls ein Tipp von Schwiegerpapa. Dort erfahren wir, dass man weiss, dass dieses Auto wohl ein Problem mit dem Schlüsselcode hat. Wir müssten lediglich den Ersatzschlüssel nehmen …
Jaja. Machen wir. Doch der liegt zu Hause. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn sogar.
Na gut, dann sollen wir zu einem Citroën-Händler gehen. Der könne den Schlüssel neu codieren. Nur haben die Händler des Créateurs jetzt keine Lust mehr zu arbeiten. Es ist Freitag kurz vor Feierabend. Verständlicherweise können sie sich erst am Montag darum kümmern. Okay. Dann muss Charly halt schnell nach Hause fahren und den Ersatzschlüssel holen. Gibt ja den öffentlichen Verkehr, und ein GA hat er auch. Schnell den Fahrplan zur Hand genommen. Der Weg ist klar: Bus nach Annecy, dann Genf–Bern–Messen–Unterramsern.
Der Bus um 17.31 Uhr fährt allerdings am an der Haltestelle winkenden Charly vorbei. Gut, ich habe ja Füsse. Und so weit kann es bis zum Bahnhof nicht sein.
32 Grad im Schatten – wenn es denn irgendwo einen solchen hätte. Links die Strasse, rechts der See mit den Badenden. Einige sogar oben ohne. Wenigstens die Aussicht stimmt. Um 19.45 Uhr bin ich endlich am Gare d’Annecy. SNCF steht dort in grossen Lettern. Das schafft Vertrauen.
Hm. Leider ist die SNCF nach 19 Uhr nicht mehr gewillt, nach Genf zu fahren. Auch der Tipp mit dem Bus nach Genf ist nichts wert. Alles fährt erst morgen früh wieder. Mir graut davor, die Nacht am Bahnhof verbringen zu müssen.
Aber es gibt ja noch den Taxistand. Dort stehen drei Taxis. Wohlverstanden: zweimal etwas aus dem Hause des Créateurs – und ein richtiges Auto. Obwohl ich der französischen Sprache kaum mächtig bin, schaffe ich es, die drei herumstehenden Fahrer davon zu überzeugen, dass ich mit dem Honda nach Genf gefahren werden möchte. Das diese Fahrt gekostet hat, will ich hier lieber nicht beziffern. Nur so viel: Für das Geld hätte es für vier bis fünf Runden Nordschleife gereicht.
Irgendwann liegt der Zoll hinter mir.
Jupeidie und jupeida – ich bin wieder in der Zivilisation angekommen!
Jetzt würde ich mir gerne eine Cola genehmigen. Schliesslich habe ich seit 17 Uhr nichts Flüssiges mehr zu mir genommen. Doch kaum bin ich im Bahnhof, kommt schon der Zug nach Bern. Wohlverstanden: Inzwischen ist es 21.47 Uhr. Die Cola muss warten. Im Zug kommt sicher so ein Wägeli mit leckeren Sachen vorbei. Ich setze mich in ein Abteil zu einer Frau ungefähr in meinem Alter. Sie liest ein Buch. Vis-à-vis sitzt ein junger Mann, vielleicht 15 Jahre alt. «Urs K....» steht auf seinem Koffer.
Nach kurzer Fahrt – ich hatte mich bereits auf eine ziemlich langweilige Reise eingestellt – fragt er mich, ob ich vielleicht ein Handy hätte. Er müsse zu Hause anrufen und habe selber keines. Das Gespräch, das ich zwangsläufig mithöre, ist weniger lustig. Er hätte um 16.30 Uhr zu Hause in Olten sein sollen. Sein Zug aus dem Süden habe Verspätung.
Hallo?
Wir haben inzwischen 22 Uhr und sind in Lausanne. So viel Verspätung kann sich doch kein Zug einheimsen.
Nun geht es aber richtig los. Die Frau mir gegenüber erklärt, dass auch sie aus dem Süden kommt und laut Fahrplan gegen 17 Uhr in Solothurn hätte sein sollen. Im Abteil hinter mir sitzt noch ein weiteres Opfer: geplante Ankunft in Bern 15.30 Uhr.
Jaja. SNCF-Lokomotiven haben es offenbar wie der Créateur. Und wenn dann noch Freitag ist, geht es halt nicht mehr sooooo schnell. Mein Vis-à-vis und ich rätseln einen Moment darüber, ob wir in Bern den Anschluss Richtung Solothurn noch erwischen werden.
Aber was soll die Frage?
Wir sind jetzt schliesslich wieder in der Zivilisation.
Und tatsächlich: Es klappt wie am Schnürchen. Ich entscheide mich, mit der RBS bis Bätterkinden zu fahren und von dort nach Hause zu laufen. Das Angebot der Frau, mich von Solothurn mit dem Auto nach Hause zu bringen, schlage ich aus. Nein, sie trägt keinen Ring und ist ziemlich attraktiv. Da gehe ich sicherheitshalber lieber zu Fuss.
Ist ja nur quer rüber bis zum Bach, dann diesem entlang und schon bin ich zu Hause. Eine Stunde dauert das schlussendlich. Aber dann bin ich da. Und ich kann euch sagen: Abgestandenes Elmer Citro schmeckt verdammt gut.
Bald mache ich mich wieder auf den Weg nach Annecy. Allerdings nur, weil Frau und Hund dort auf mich warten. Verwöhnt von der Schweizer Zuverlässigkeit werde ich das Land des Créateurs in Zukunft wohl noch etwas mehr meiden.
Und den Citroën?
Den soll in Zukunft fahren, wer will. Wenn ich dabei bin, ist das nicht mehr angesagt.
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