Hansueli Nufer

Veröffentlicht am 5. Februar 2018 um 17:52

So richtig den Knopf geöffnet habe ich eigentlich erst ab der siebten Klasse. Klar, ich hatte vorher lesen, schreiben und rechnen gelernt und war in Geografie und Geschichte vielleicht sogar überdurchschnittlich gut. Doch Lernen machte mir nicht besonders viel Freude. Mich selbst dafür zu motivieren, fiel mir schwer. Bei den Lehrern galt ich als dumm – und vor allem als faul.

Mein grösster schulischer Erfolg war bis dahin wohl, dass mein Vertrag mit der fünften Klasse um ein Jahr verlängert wurde. Ich gebe es gerne zu: Da war damals auch ein bisschen Absicht mit im Spiel. Oberlehrer Meinenzagen zwei Jahre lang – fünfte und sechste Klasse – ertragen? Nein danke. Dann lieber die fünfte Klasse wiederholen. Ich provozierte den alten Mann, wann immer sich die Gelegenheit bot, und erreichte schliesslich, was ich erreichen wollte.
Die Schuljahre 5-2 und 6 sass ich dann mehr oder weniger ab. Weiterhin ohne grosse Motivation und ohne besondere Leistungen. Ich schwamm so mit, fiel mit Streichen – manchmal auch etwas heftigeren – auf, und meine schulischen Leistungen blieben Durchschnitt.

Dann kam er: Hansueli Nufer. Ehemaliger Spitzenhandball-Torhüter und damals berüchtigt für seine Kopfnüsse.
Schon am ersten Tag spürte ich, dass mir hier jemand eine Chance gab. Da war einer, der mich unvoreingenommen akzeptierte. Ein Lehrer, der Leistung forderte, sie aber auch anerkennen konnte. Mir ist klar, dass einige meiner Klassenkameraden – und vor allem Klassenkameradinnen – das etwas anders sahen. Manche mochten seine direkte und strenge Art überhaupt nicht.
Bei mir bewirkte sie genau das Gegenteil.
Ich war plötzlich motiviert. Angestachelt, mehr zu leisten. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich auch ausserhalb der Schule und erledigte sogar meine Hausaufgaben.
Die drei Schuljahre, die ich bei Hansueli Nufer erleben durfte, waren für mich eine durchwegs positive Schulerfahrung. Von mir wurde viel gefordert. Im Gegenzug übertrug man mir Verantwortung, schenkte mir Vertrauen – und setzte sich für mich ein.

Ein gutes Beispiel dafür war das Skilager. Das war bei uns damals freiwillig. Bereits in der sechsten Klasse wollte ich zum ersten Mal mit. Doch die Lehrerschaft um Lehrer Felber, der das Lager jedes Jahr organisierte, wollte mich nicht dabeihaben. Meine Anmeldung wurde mit der Begründung abgelehnt, ich würde nur Unruhe stiften.
In der siebten Klasse dasselbe Spiel.
Kurz vor dem Skilager fragte mich Nufer, warum ich als begeisterter Skifahrer eigentlich nicht mitfahren wolle. Ich erzählte ihm, dass man mich dort schlicht nicht haben wollte.
Drei Tage später erhielt meine Mutter einen Anruf. Jemand habe abgesagt, hiess es, und deshalb würde man mich nun doch gerne mitnehmen.
Nun ja. Ich glaube, ich habe dort einige Leute überrascht.

Ich wollte das in mich gesetzte Vertrauen auf keinen Fall enttäuschen und zeigte mich von meiner besten Seite. Gleichzeitig merkte ich allerdings, dass ein Skilager mit der Schule nicht unbedingt mein Ding war. Bereits ab dem zweiten Tag musste ich jeweils eine Gruppe übernehmen. Nichts war es mit freiem Skifahren.
Trotzdem gab ich alles. Vor allem als Dank dafür, dass sich da jemand für mich eingesetzt hatte.
Die Klassen von Hansueli Nufer durften als einzige während dieser drei Schuljahre jedes Jahr in eine Landschulwoche. Ich erinnere mich gerne an Tenero und an die zwölf Meter hohe Brücke, von der wir ins Wasser sprangen.

Vor allem aber erinnere ich mich an das Winterlager in Wengen.
Wir standen oben am Hundschopf. Einer nach dem anderen versuchte mehr oder weniger mühsam, den steilen Abhang hinunterzurutschen. Am Schluss standen nur noch mein Lehrer und ich oben.

Ich sehe seinen herausfordernden Blick heute noch vor mir.
«Und, getraust du dich?»
"Ja. Das isch ja fasch flach hie."

Sogar mit Anlauf und einem kleinen Sprung.
Die Bewunderung meiner Kameraden genoss ich natürlich. Aber fast noch wichtiger war mir die Anerkennung meines Lehrers.
Lieber Hansueli Nufer, du hast es nie erfahren und ich habe es dir auch nie gesagt: Es war damals nicht das erste Mal, dass ich dort hinunterfuhr. Aber es war das letzte Mal. Später wurde die Stelle gesperrt.
Ich erinnere mich allerdings auch an einen weniger ruhmreichen Moment. Nach dem Turnen kam unser Klassenchef auf die glorreiche Idee, die Tür zur Dusche zu öffnen, während die Mädchen am Duschen waren. Nicht, dass ich nicht auch gerne einen Blick riskiert hätte.
Ich kam nur überhaupt nicht dazu.
Ich sass ganz hinten in der Garderobe, als unser Lehrer – aufgeschreckt vom Geschrei der Mädchen – hereinstürmte, schnurstracks auf mich zukam und mir eine knallte.
In diesem Moment war das ziemlich ungerecht.
Aber irgendwie konnte ich selbst das akzeptieren. Einen Groll gegen ihn hegte ich deswegen nie. Ich betrachtete es einfach als Kompensation für all die anderen Streiche, bei denen ich nicht erwischt worden war.

Später entschuldigte er sich bei mir.
Und genau das steigerte meinen Respekt vor ihm noch einmal. Denn auch ein Lehrer konnte einen Fehler machen – entscheidend war, ob er die Grösse hatte, dazu zu stehen.
Hansueli Nufer war einer der wichtigsten Mentoren meines Lebens. Natürlich hat er mir Rechnen, Schreiben und vieles andere beigebracht. Viel wichtiger aber war das, was ich bei ihm fürs Leben lernte.
Er zeigte mir, was passieren kann, wenn jemand nicht zuerst danach fragt, was ein Mensch bisher falsch gemacht hat, sondern danach, was in ihm steckt.

Er forderte mich. Er vertraute mir. Er übertrug mir Verantwortung. Und plötzlich wollte ich dieses Vertrauen auch verdienen.
Diese drei Jahre haben mich geprägt.

Was ich heute bin, verdanke ich zu einem guten Teil auch diesem Menschen.

Hansueli Nufer verstarb am 3. November 2017 im Alter von 87 Jahren.
Herzlichen Dank, Herr Nufer, für Ihr Engagement, Ihr Vertrauen und Ihren grossen Einsatz. Mögen Sie in Frieden ruhen.

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