Es war der 22. Juli 1972, ja ich habe das Datum gegoogelt. Ich, gerade einmal sieben Jahre alt, und mein grosser Bruder Marcel, damals 16, standen in Stavelot. Vor uns lief das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps. Klar wusste ich, dass die Capris gegen die BMWs fuhren und sich einen erbitterten Kampf um den Sieg lieferten.
Doch im Moment interessierte mich das alles nur am Rande. Ich hatte Angst. Grosse Angst. Wir standen auf der Aussenseite der Kurve, direkt an der Leitplanke. Die Autos schossen mit gefühlten 1000 km/h an uns vorbei. Ich hatte überhaupt kein Vertrauen in die Fahrer und wäre nur zu gerne von dort weggegangen. Doch egal, wie gross die Angst auch war: Ein Feigling wollte ich auf keinen Fall sein.
Natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ein paar Jahre zuvor genau an jener Stelle, an der wir jetzt standen, zwei Jungs ihr Leben verloren hatten, weil sie dort beim Formel-1-Grand-Prix Fotos machen wollten.
Plötzlich trat ein Polizist an meinen Bruder heran und wies ihn auf Französisch an, hinter die Absperrung zurückzugehen. Ich war dieser Sprache zwar nicht mächtig, wusste aber ganz genau, was der Mann wollte. Als ich mich sofort auf den Weg machen wollte, hielt Marcel mich fest.
Bestimmt und ziemlich frech – seine Worte in breitem Berndeutsch möchte ich hier lieber nicht wiedergeben – erklärte mein Bruder dem Polizisten, dass er überhaupt nicht im Sinn habe, hier wegzugehen. Die beiden diskutierten lange und ziemlich lautstark miteinander. Zu meinem Leidwesen zog sich am Ende tatsächlich der Polizist zurück.
Und wir blieben, wo wir waren.
Ich schaute zu meinem grossen Bruder hoch und bewunderte ihn dafür, dass er diesen mächtigen Polizisten besiegt hatte.
Gleichzeitig hasste ich ihn dafür, dass ich weiterhin direkt an dieser Leitplanke stand und nahe daran war, mir in die Hose zu machen. 😄
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